Old Man River Jazzband: We play jazz for the pleasure of our audiance - and for our own pleasure!

 

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Im Probenlokal der Old Man River Jazzband

Von Elisabeth Pfäffli

 

«One, two, three ... und ab geht’s im rassigen Rhythmus»

Das Probenlokal der OMRJB von 1994 - 2003

Lützelflüh, 8. November 2001, 19.15 Uhr, stürmisch fegt der Herbstwind Regen und dürres Laub bis unter den schützenden Eingang zum Gewerbe- und Wohnhaus Emmestrasse 1. Im Coiffeursalon und in den Büros ist bereits alles dunkel, einzig in der Arztpraxis und im darüber liegenden Dachgeschoss brennt noch Licht - hier beginnt in knapp einer Viertelstunde die Probe der Old Man River Jazzband.

 

Was musikalisch einst am Mississippi seinen Anfang nahm, dem huldigen Jürg Kauer (Klarinette), Hans Ammeter (Piano), Beat Stalder (Trompete), Paul Kunfermann (Bass), Paul Schmid (Posaune, Gesang), Werner Eichenberger (Banjo/Gitarre) sowie Fritz Steffen und Rudolf Lehmann (Schlagzeug) in Lützelflüh in nächster Nähe der Emme. Die Jazz begeisterten Musiker fanden sich erstmals 1991 spontan zu einem Konzert zusammen. Zwei Jahre später luden sie zur Bandtaufe in die Kulturmühle Lützelflüh ein. Den Namen für ihre Band leiteten sie ab vom amerikanischen Fluss Mississippi, den die Schwarzen liebevoll «Old Man River» nannten. Entlang dieses Flusses, vor allem in New Orleans, begann die Geschichte des alten Jazz, die die Old Man River Jazzband nun landauf, landab jährlich in ungefähr zwölf bis fünfzehn Konzerten weiter erzählt und im New Orleans- und Dixieland-Stil, als Boogie-Woogie, Blues und Swing immer wieder neu aufleben lässt.

 

Dachstock statt Jazz-Keller

Gleichzeitig mit dem gläsernen Lift, der lautlos durch das moderne, mit Sichtmauerwerk, Chromstahl und viel Glas gestaltete Treppenhaus ins Erdgeschoss gleitet, erreicht Werner Eichenberger über die Treppe huschend das Erdgeschoss. «Wir von der Rhythmusgruppe sind immer zuerst da», verrät er zur Begrüssung. Gemeinsam schweben wir nun mit der Glaskabine in den zweiten Stock und steigen von da die Treppe hoch ins Dachgeschoss. Wir durchqueren einen grossen, freundlichen Raum, der problemlos in eine Mehr-Zimmer-Wohnung umgebaut werden könnte. Er ist nur andeutungsweise unterteilt durch die tragenden Balken. «Wir nutzen den Dachraum zusammen mit Annemarie Baumgartner, der Besitzerin. Die Ärztin bietet in Zukunft hier Chi-Gong-Kurse an», erklärt Werner. Während also im vorderen Teil die Sisalteppichfläche dominiert, präsentiert sich der hintere Teil des Raumes unverkennbar als Refugium der Jazzer.

 

Kulisse wie in New Orleans bringt Stimmung

Vor einer farbenfrohen Kulisse mit einschlägigen Lokalen wie Dixie-Park, Tin Roof Café und Mahogany-Hall ist im Moment noch ein Wirrwarr aus Kabeln, Ständern Stühlen und Lampen. Verstärker- und Stereoanlagen bilden die Verbindung zur Ruhe ausstrahlenden, gemütlichen Sitzecke, die für kurze Pausen o der Besprechungen zur Verfügung steht. Werner macht sich daran, die verschiedenen Kabel am richtigen Ort einzustecken und schon mal Stühle für die Kollegen zu platzieren. Zum hohen Stuhl, den er selber als Gitarrist und Banjo-Spieler benützt, rückt er ein umgekehrtes Getränkeharrassli als Fussstütze. Zu allem Hantieren erzählt er, dass die Rhythmusgruppe jetzt gerade in zwei separaten zweieinhalbstündigen Extraproben die Boogie-Woogies neu arrangiert habe.

 

«Tonsalat» zum Einspielen

Jetzt betritt Fritz Steffen der langjährige Schlagzeuger die Szene, er ist zwar heute Abend nicht im Einsatz, sondern sein Kollege Rudolf Lehmann, doch will er noch schnell etwas an einem Ständer für ein Kübeli (Teil des Schlagzeuges) richten und sicher auch noch ein Ohr voll Musik mit nach Hause nehmen. Inzwischen ist die Band nämlich komplett, wie in einem kleinen Ameisenhaufen herrscht emsiges Treiben. Im Gegensatz zum Ameisenhaufen ist das Treiben aber auch akustisch wahrnehmbar. Trompeten-, Posaunen-, Piano-, Bass-, Gitarren- und Klarinettenklänge vermischen sich mit Schlagzeugrhythmen zum kunterbunten Tonsalat. Paul, der Posaunist, verstellt nochmals etwas an seinem Notenständer, Paul, der Bassist, muss mit seinem Instrument noch etwas vom Verstärker wegrücken, Jürg ist noch nicht ganz zufrieden mit dem Blättchen im Mundstück seiner Klarinette, und da und dort müssen noch die Lampen etwas besser auf die Noten gerichtet werden.

 

«One, two, three ...».

Mit dem Fuss wippend zählt der Klarinettist an - und ab geht’s im rassigen Rhythmus mit «Honeysuckle Rose». Diese Komposition hat die Band, ebenso wie «Some day you’ll be sorry», neu im Repertoire. An beiden Stücken soll in dieser Probe noch eingehend gearbeitet werden, denn beim nächsten Konzert wollen sie sie erstmals öffentlich spielen.

 

Von Tatsachen und Gefühlen

Für den Laien tönt’s schon toll; die Musiker allerdings finden noch dies und jenes, was ihnen nicht ganz gefällt. Fritz Steffen nutzt die Diskussionsphase, reicht jedem seiner Kollegen die Hand und verabschiedet sich. Etwas traurig verrät er mir, dass er krankheitshalber das Schlagzeug in der Band nicht mehr lange spielen wird. Am 30. November, beim Konzert im Jazzclub Sunne in Hasle-Rüegsau, werde er nur noch das erste Set bestreiten und damit dann seine Karriere als Drummer bei der Old Man River Jazzband beschliessen. Wehmut befällt auch mich, als die Tür hinter Fritz ins Schloss fällt, für einen Moment erinnere ich mich an Fritz’ tolle Soli im «Royal Garden Blues», die mir aus früheren Konzerten unvergesslich sind....

 

«Beim Wechsel zum Solo, gehe ich auf Halbmast»

...höre ich nun plötzlich Ruedi, den neuen Schlagzeuger, sagen und kehre in die Gegenwart zurück. Offenbar fanden die Musiker die Rhythmusgruppe zu dominant, denn soeben bestätigt Werner, dass sie einfach «küblet» hätten. Jetzt sind aber allem Anschein nach die Änderungen klar – «one, two, three ...», zählt Jürg wieder an. Es klappt nicht ganz, also nochmals; Jürg zählt zwei Takte an und fordert: «Auf vier müsst ihr aber kommen, sonst bin dann ich zu spät mit dem ersten Ton». Jetzt gelingt der Auftakt und das Stück wird durchgespielt. Nach einer kurzen Überlegungspause macht sich Hans, der Pianist bemerkbar. «Die Form war richtig», sinniert er, «aber die Töne? Katzfalsch!», «Ja», bestätigt der Klarinettist «ich war falsch» und auch Werner meint, dass er mit der Gitarre nicht richtig gewesen sei.

 

So wird weiter eine Zeitlang hin und her diskutiert und analysiert. Dem einen hat’s zu wenig Pep, der andere findet «Ruedis Bäsele» (speziell weiche Spielweise des Schlagzeuges) zum Gesang von Paul sehr schön, worauf sich Ruedi trocken fragt, ob er wohl nicht am besten gleich alles «bäselen» sollte. Aber nein doch, das würde zu langweilig! Wieder sind sie sich über die vorzunehmenden Änderungen einig. Bevor sie das Stück in der jetzt gültigen Form nochmals komplett spielen, richtet Ruedi noch sein Aufnahmegerätchen ein, damit er seinen Part später zu Hause in aller Ruhe noch verfeinern könne.

 

Hans’ Boogies

Beat, Jürg und Paul, die Frontline eben, zieht sich in die Sitzecke zurück. Sie bekommen jetzt zu Gehör, was ihre Kollegen, die für den rhythmischen Groove der Band sorgen, in ihren Extraübungen einstudiert haben. Einstimmig sind sie der Meinung, dass die neu arrangierten Boogies «fäge». Pianist Hans ist dabei voll in seinem Element, Schlagzeug, Bass und Gitarre kommunizieren toll mit ihm und selbst die Breaks (wenn die ganze Band auf einen Schlag aus- und wieder einsetzt) kommen präzise.

 

Zwei Stunden sind bereits im Nu vergangen. Nun nochmals, diesmal konzertreif, die beiden neuen Stücke – aber halt, noch ist es nicht soweit. Krampfhaft blättert Paul mit der rechten Hand in seinem Notenbuch während er im linken Arm den Bass hält und brummt leise: «Vorhin habe ich sie doch gerade neu geordnet!» Ah, jetzt ist er fündig geworden; er lässt sich von seinen Kollegen nicht aus der Ruhe bringen, klemmt das gefundene Notenblatt zwischen die Lippen und sucht im Büchlein die Stelle, wo es hingehört.

 

Ganz zum Abschluss – nur für mich allein – spielt die Band jetzt noch «Creole love call». Mit dieser langsamen, sanften Nummer glätten sich die rhythmisch bewegten, musikalischen Wogen, langsam fahren sowohl die Musiker wie auch ich, als Probegast, den inneren Rhythmus hinunter in Richtung Feierabend. Mit geübten Handgriffen werden die Instrumente geputzt und versorgt und die Spotlampen ausgelöscht.

 

Dicht gefüllte Terminkalender

Jürg fordert alle auf, noch kurz für eine Terminsitzung Platz zu nehmen. Die Agenden werden konsultiert; die wöchentlich zwei Proben, die bis zum Konzert am 30. November im Sonnensaal in Rüegsauschachen angesagt sind, sind bereits eingetragen. Daneben gibt es aber noch Anfragen für etliche Anlässe, einige sogar bereits für das Jahr 2003, die besprochen und für die schon mal provisorisch Termine reserviert werden. Gemeinsam verlassen wir den Übungsraum und werden draussen vom Herbstwind und dem Rauschen der Emme stürmisch empfangen. Beat und Paul verabschieden sich gleich. Wir andern lassen den Abend noch bei einem Schlummertrunk in der „Emmenbrücke“ nach- und ausklingen.

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"Mich überzeugt eigentlich keine Definition des Jazz. Für mich hat Jazz viel mit Improvisation zu tun. Jazz ist die Seele der Menschen. Er bedeutet Freiheit. Jazz ist die Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten, während man auf der Bühne steht uns spielt."

 

Dianne Reeves, Jazz-Sängerin