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Lützelflüh, 8. November 2001, 19.15 Uhr, stürmisch
fegt der Herbstwind Regen und dürres Laub bis unter den schützenden Eingang zum
Gewerbe- und Wohnhaus Emmestrasse 1. Im Coiffeursalon und in den Büros ist
bereits alles dunkel, einzig in der Arztpraxis und im darüber liegenden
Dachgeschoss brennt noch Licht - hier beginnt in knapp einer Viertelstunde die
Probe der Old Man River Jazzband.
Was musikalisch einst am Mississippi seinen Anfang nahm,
dem huldigen Jürg Kauer (Klarinette), Hans Ammeter (Piano), Beat Stalder
(Trompete), Paul Kunfermann (Bass), Paul Schmid (Posaune, Gesang), Werner
Eichenberger (Banjo/Gitarre) sowie Fritz Steffen und Rudolf Lehmann (Schlagzeug)
in Lützelflüh in nächster Nähe der Emme. Die Jazz begeisterten Musiker fanden
sich erstmals 1991 spontan zu einem Konzert zusammen. Zwei Jahre später luden
sie zur Bandtaufe in die Kulturmühle Lützelflüh ein. Den Namen für ihre Band
leiteten sie ab vom amerikanischen Fluss Mississippi, den die Schwarzen
liebevoll «Old Man River» nannten. Entlang dieses Flusses, vor allem in New
Orleans, begann die Geschichte des alten Jazz, die die Old Man River Jazzband
nun landauf, landab jährlich in ungefähr zwölf bis fünfzehn Konzerten weiter
erzählt und im New Orleans- und Dixieland-Stil, als Boogie-Woogie, Blues und
Swing immer wieder neu aufleben lässt.
Dachstock statt Jazz-Keller
Gleichzeitig mit dem gläsernen Lift, der lautlos durch
das moderne, mit Sichtmauerwerk, Chromstahl und viel Glas gestaltete Treppenhaus
ins Erdgeschoss gleitet, erreicht Werner Eichenberger über die Treppe huschend
das Erdgeschoss. «Wir von der Rhythmusgruppe sind immer zuerst da», verrät er
zur Begrüssung. Gemeinsam schweben wir nun mit der Glaskabine in den zweiten
Stock und steigen von da die Treppe hoch ins Dachgeschoss. Wir durchqueren einen
grossen, freundlichen Raum, der problemlos in eine Mehr-Zimmer-Wohnung umgebaut
werden könnte. Er ist nur andeutungsweise unterteilt durch die tragenden Balken.
«Wir nutzen den Dachraum zusammen mit Annemarie Baumgartner, der Besitzerin. Die
Ärztin bietet in Zukunft hier Chi-Gong-Kurse an», erklärt Werner. Während also
im vorderen Teil die Sisalteppichfläche dominiert, präsentiert sich der hintere
Teil des Raumes unverkennbar als Refugium der Jazzer.
Kulisse wie in New Orleans bringt Stimmung
Vor einer farbenfrohen Kulisse mit einschlägigen Lokalen
wie Dixie-Park, Tin Roof Café und Mahogany-Hall ist im Moment noch ein Wirrwarr
aus Kabeln, Ständern Stühlen und Lampen. Verstärker- und Stereoanlagen bilden
die Verbindung zur Ruhe ausstrahlenden, gemütlichen Sitzecke, die für kurze
Pausen o der Besprechungen zur Verfügung steht. Werner macht sich daran, die
verschiedenen Kabel am richtigen Ort einzustecken und schon mal Stühle für die
Kollegen zu platzieren. Zum hohen Stuhl, den er selber als Gitarrist und
Banjo-Spieler benützt, rückt er ein umgekehrtes Getränkeharrassli als
Fussstütze. Zu allem Hantieren erzählt er, dass die Rhythmusgruppe jetzt gerade
in zwei separaten zweieinhalbstündigen Extraproben die Boogie-Woogies neu
arrangiert habe.
«Tonsalat» zum Einspielen
Jetzt betritt Fritz Steffen der langjährige Schlagzeuger
die Szene, er ist zwar heute Abend nicht im Einsatz, sondern sein Kollege Rudolf
Lehmann, doch will er noch schnell etwas an einem Ständer für ein Kübeli (Teil
des Schlagzeuges) richten und sicher auch noch ein Ohr voll Musik mit nach Hause
nehmen. Inzwischen ist die Band nämlich komplett, wie in einem kleinen
Ameisenhaufen herrscht emsiges Treiben. Im Gegensatz zum Ameisenhaufen ist das
Treiben aber auch akustisch wahrnehmbar. Trompeten-, Posaunen-, Piano-, Bass-,
Gitarren- und Klarinettenklänge vermischen sich mit Schlagzeugrhythmen zum
kunterbunten Tonsalat. Paul, der Posaunist, verstellt nochmals etwas an seinem
Notenständer, Paul, der Bassist, muss mit seinem Instrument noch etwas vom
Verstärker wegrücken, Jürg ist noch nicht ganz zufrieden mit dem Blättchen im
Mundstück seiner Klarinette, und da und dort müssen noch die Lampen etwas besser
auf die Noten gerichtet werden.
«One, two, three ...».
Mit dem Fuss wippend zählt der Klarinettist an - und ab
geht’s im rassigen Rhythmus mit «Honeysuckle Rose». Diese Komposition hat die
Band, ebenso wie «Some day you’ll be sorry», neu im Repertoire. An beiden
Stücken soll in dieser Probe noch eingehend gearbeitet werden, denn beim
nächsten Konzert wollen sie sie erstmals öffentlich spielen.
Von Tatsachen und Gefühlen
Für den Laien tönt’s schon toll; die Musiker allerdings
finden noch dies und jenes, was ihnen nicht ganz gefällt. Fritz Steffen nutzt
die Diskussionsphase, reicht jedem seiner Kollegen die Hand und verabschiedet
sich. Etwas traurig verrät er mir, dass er krankheitshalber das Schlagzeug in
der Band nicht mehr lange spielen wird. Am 30. November, beim Konzert im
Jazzclub Sunne in Hasle-Rüegsau, werde er nur noch das erste Set bestreiten und
damit dann seine Karriere als Drummer bei der Old Man River Jazzband
beschliessen. Wehmut befällt auch mich, als die Tür hinter Fritz ins Schloss
fällt, für einen Moment erinnere ich mich an Fritz’ tolle Soli im «Royal Garden
Blues», die mir aus früheren Konzerten unvergesslich sind....
«Beim Wechsel zum Solo, gehe ich auf Halbmast»
...höre ich nun plötzlich Ruedi, den neuen Schlagzeuger,
sagen und kehre in die Gegenwart zurück. Offenbar fanden die Musiker die
Rhythmusgruppe zu dominant, denn soeben bestätigt Werner, dass sie einfach «küblet»
hätten. Jetzt sind aber allem Anschein nach die Änderungen klar – «one, two,
three ...», zählt Jürg wieder an. Es klappt nicht ganz, also nochmals; Jürg
zählt zwei Takte an und fordert: «Auf vier müsst ihr aber kommen, sonst bin dann
ich zu spät mit dem ersten Ton». Jetzt gelingt der Auftakt und das Stück wird
durchgespielt. Nach einer kurzen Überlegungspause macht sich Hans, der Pianist
bemerkbar. «Die Form war richtig», sinniert er, «aber die Töne? Katzfalsch!»,
«Ja», bestätigt der Klarinettist «ich war falsch» und auch Werner meint, dass er
mit der Gitarre nicht richtig gewesen sei.
So wird weiter eine Zeitlang hin und her diskutiert und
analysiert. Dem einen hat’s zu wenig Pep, der andere findet «Ruedis Bäsele»
(speziell weiche Spielweise des Schlagzeuges) zum Gesang von Paul sehr schön,
worauf sich Ruedi trocken fragt, ob er wohl nicht am besten gleich alles «bäselen»
sollte. Aber nein doch, das würde zu langweilig! Wieder sind sie sich über die
vorzunehmenden Änderungen einig. Bevor sie das Stück in der jetzt gültigen Form
nochmals komplett spielen, richtet Ruedi noch sein Aufnahmegerätchen ein, damit
er seinen Part später zu Hause in aller Ruhe noch verfeinern könne.
Hans’ Boogies
Beat, Jürg und Paul, die Frontline eben, zieht sich in
die Sitzecke zurück. Sie bekommen jetzt zu Gehör, was ihre Kollegen, die für den
rhythmischen Groove der Band sorgen, in ihren Extraübungen einstudiert haben.
Einstimmig sind sie der Meinung, dass die neu arrangierten Boogies «fäge».
Pianist Hans ist dabei voll in seinem Element, Schlagzeug, Bass und Gitarre
kommunizieren toll mit ihm und selbst die Breaks (wenn die ganze Band auf einen
Schlag aus- und wieder einsetzt) kommen präzise.
Zwei Stunden sind bereits im Nu vergangen. Nun nochmals,
diesmal konzertreif, die beiden neuen Stücke – aber halt, noch ist es nicht
soweit. Krampfhaft blättert Paul mit der rechten Hand in seinem Notenbuch
während er im linken Arm den Bass hält und brummt leise: «Vorhin habe ich sie
doch gerade neu geordnet!» Ah, jetzt ist er fündig geworden; er lässt sich von
seinen Kollegen nicht aus der Ruhe bringen, klemmt das gefundene Notenblatt
zwischen die Lippen und sucht im Büchlein die Stelle, wo es hingehört.
Ganz zum Abschluss – nur für mich allein – spielt die
Band jetzt noch «Creole love call». Mit dieser langsamen, sanften Nummer glätten
sich die rhythmisch bewegten, musikalischen Wogen, langsam fahren sowohl die
Musiker wie auch ich, als Probegast, den inneren Rhythmus hinunter in Richtung
Feierabend. Mit geübten Handgriffen werden die Instrumente geputzt und versorgt
und die Spotlampen ausgelöscht.
Dicht gefüllte Terminkalender
Jürg fordert alle auf, noch kurz für eine Terminsitzung
Platz zu nehmen. Die Agenden werden konsultiert; die wöchentlich zwei Proben,
die bis zum Konzert am 30. November im Sonnensaal in Rüegsauschachen angesagt
sind, sind bereits eingetragen. Daneben gibt es aber noch Anfragen für etliche
Anlässe, einige sogar bereits für das Jahr 2003, die besprochen und für die
schon mal provisorisch Termine reserviert werden. Gemeinsam verlassen wir den
Übungsraum und werden draussen vom Herbstwind und dem Rauschen der Emme
stürmisch empfangen. Beat und Paul verabschieden sich gleich. Wir andern lassen
den Abend noch bei einem Schlummertrunk in der „Emmenbrücke“ nach- und
ausklingen.
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