Old Man River Jazzband: We play jazz for the pleasure of our audiance - and for our own pleasure!

 

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Fritz Stefen

 

«Ich male, weil ich malen muss»

Der Kunstmaler Fritz Steffen bereitet seine nächste Ausstellung vor. Sie findet in der Kulturmühle Lützelflüh statt und steht unter dem Titel “Acrylmalerei”. Seit einiger Zeit behindert Multiple Sklerose (MS) den freischaffenden Künstler – heute ist er weitgehend an den Rollstuhl gefesselt. Die Aemme Zytig besuchte Fritz Steffen in seinem Atelier und führte mit ihm ein längeres Gespräch.

Ein Bericht aus der Aemme-Zytig, Burgdorf, von Werner Eichenberger (Januar 2003)

Von den Wänden blicken mich Bilder an, fertige und angefangene, grosse und kleine. In Holzgestellen reiben sich Bilderrahmen. Farbtuben, Flaschen und Büchsen, Pinsel und Spachtel bilden bunte Stillleben. Von einer Pinnwand laden Karten zu längst vergangenen Vernissagen ein, vergilbte Zeitungsartikel erzählen Geschichten von Ausstellungen und Künstler-Kollegen. Bücher und Zeitschriften, Zeichenblöcke und Mappen stapeln sich zu Türmen. In Gläsern warten Farbstifte und Kreiden, Bleistifte und Faserschreiber, Pinsel und Federn auf Papier, Tusche und Farbe. Der Rauch einer vergessenen Zigarette steigt aus dem Aschenbecher zur Decke. Es duftet nach Farbe und Lösungsmitteln, nach Zigaretten und frischem Kaffee. Miles Davis spielt «All Blues». Fritz Steffens Atelier.
«In der letzten Zeit habe ich wenig Jazz gehört, aber heute läuft dir zuliebe wieder einmal Radio Swiss Jazz», beginnt Fritz Steffen, der seit seiner Jugend immer irgendwo Schlagzeuger war – in der Musikgesellschaft und in Tanzorchestern, in Rockbands und Dixieland-Formationen. «Seit ich wegen meiner MS nicht mehr Schlagzeug spielen kann, ertrage ich Musik manchmal fast gar nicht. Dafür hat Sprache eine neue Bedeutung bekommen: Als körperlich behinderter Mensch muss ich für meine Rechte kämpfen, bei Institutionen und Verwaltungen, bei Pro Infirmis und Sozialämtern – und da ist die mündliche Kommunikation entscheidend.»
Und schon sind wir mitten in der Thematik: Der Künstler und die Krankheit. Ich bin froh, ist Fritz Steffen selbst darauf zu sprechen gekommen. Im Atelier lässt er den Rollstuhl stehen, sitzt auf seinem Arbeitsstuhl, bewegt sich humpelnd und sich aufstützend. «Nein, ich male nicht, um meine Krankheit zu verarbeiten. Ich male, weil ich malen muss. Ja, ich bin in der Bewegung eingeschränkt. Grosse Formate sind jetzt sehr anstrengend, die brauchen viel Kraft – aber: Im Kopf bin ich noch klar. Und malen muss ich alleine – da kann mir niemand helfen.» Er hat gelernt, mehr im Moment zu leben, die Krankheit gibt jetzt den Rhythmus vor: «Ja, strenge Vorgaben, das schaffe ich nicht mehr. Malerei ist gut, das ist meine Sache. Aber die cheibe Stogglerei im Atelier isch halt mängisch scho müesam. Wenigschtens chan ig no guet schnorre!»

Fritz Steffen weiss wovon er spricht: In der MS-Gruppe, in der er mitmacht, hat er Patienten kennen gelernt, die auch im sprachlichen Ausdruck behindert sind. Und das ist das Verrückte, Bedrückende, Belastende an MS. «Niemand kann mir sagen, wann der nächste Schub kommt – und wohin mich die Krankheit noch führt. Ig weiss, was mir no chönnt warte, das Gfüel isch immer presänt. Was hütt isch, gilt morn villech scho nümme».

 

Trotzdem schaut Fritz Steffen optimistisch in die Zukunft – die Vorbereitung der Ausstellung gibt Kraft: «I bi besser zwäg als vor emene Jahr.» Damals versuchte er, seine neuen Erfahrungen als Rollstuhlfahrer in Cartoons zu verarbeiten: Wie vergiftet habe er damals gezeichnet. Aber das hat er hinter sich gelassen. Die Feinmotorik ist nicht mehr da, um seinen charakteristischen, «mäandrierenden» Strich zu zeichnen. «Davon musste ich Abschied nehmen!» Das tut weh, das schmerzt ihn. Er, der mir so viel hintersinnigem Humor Cartoons schuf.

 

Umso mehr konzentriert er sich nun auf die Malerei. Und die strotzt vor Kraft, strahlt Licht und Energie aus: Da gibt es keine düsteren Stimmungen, dunkle Farben, tiefgründige Symbolik. Seine Bilder überraschen mit subtilem Pinselstrich, kräftiger Farbgebung und starken Kompositionen. Die Malerei von Fritz Steffen lädt ein zum Staunen, Suchen und Sinnieren.

 

Fritz Steffen hat kürzlich in der Fondation Beyeler in Riehen einen Künstler «neu entdeckt»: Barnett Newman. Sein klares Konzept und seine strenge Malweise faszinieren ihn: Newmans Bilder sind geprägt von senkrechten Linien. «Diese Konsequenz und Kompromisslosigkeit, diese Einfachheit: Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Newman hat gerungen – war nie zufrieden: Bis zu 70 Farbschichten hats auf seinen Bildern.» Auch Fritz Steffen kämpft oft. Fragt sich: Was mache ich jetzt? Was wird aus diesem Zeichen? Ist das Bild fertig? Sagt es das, was ich ausdrücken will? Erzählt es eine Geschichte? «Aber mängisch han ig ke Idee, ke Inspiration, ke Kreation u nüt».

 

Fritz Steffen spricht über die Zwänge in der Malerei und schlägt einen Bogen zu Franz Gertsch. Seine Bilder hat er kürzlich im neuen Museum in Burgdorf wieder gesehen. «Wenn Franz Gertsch sich für ein Bild entschieden hat, dann bestehen für lange Zeit grosse Zwänge: Er kann nicht einfach aufhören, den Stil wechseln, er muss den eingeschlagenen Weg weiter verfolgen.» Fritz Steffen spürt ähnliche Zwänge, auch wenn er weniger lange an seinen Bildern arbeitet: «Jeder Pinselstrich erhöht den Zwang, gibt meiner Malerei eine bestimmte Richtung. Und die muss ich bis zum Ende durchziehen.»

 

Für gewöhnlich malt er an mehreren Bildern gleichzeitig: Hier skizziert er die ersten Linien, da setzt er die Grundierung – dort überarbeitet er eine Partie, mit der er noch nicht zufrieden ist. Ob er sich so etwas dem Zwang entzieht?

 

Die Jazz Messengers powern aus dem Lautsprecher. Fritz Steffen klopft den Rhythmus von Moanin‘ mit. «Art Blakeys Energie ist einfach unglaublich, der Drive, die Präzision. Diese Wirbel. Wie er die ganze Band vor sich her treibt ...» Da spricht wieder der Schlagzeuger, der Jazzfan. Eine Reihe seiner Bilder tragen Titel von Jazzkompositionen: «Creole Love Call», «Sweet Georgia Red», «Trouble in Mind» oder «After you’ve gone» ...

 

Aber wie kommen die Bilder eigentlich zu ihren Namen? «Wenn ich ein neues Bild anfange, dann weiss ich nicht, wohin es geht. Es macht mich glücklich, wenn ich eine Form gefunden habe, an der ich arbeiten kann. Ich habe gerne grosse Flächen. Aber ich brauche immer auch ein Zeichen, eine Form. Langsam entwickelt sich etwas – und dann passierts: Plötzlich kommt das Bild auf die Welt! Und das ist der schönste Moment: Ich weiss, dass das Bild jetzt da ist! Ja, und dann brauchts eben noch einen Namen. Ich habe immer irgendwo einen Zettel, auf den ich meine Ideen notiere. So hat ein Aufenthalt in Frankreich mir Inspirationen für Bilder-Namen gegeben: «Le temps des Rousses», «Le rire des fleurs» oder «Entreacte».

 

Für die neue Ausstellung sind die Namen noch nicht bestimmt, das geschieht dann wahrscheinlich wie immer erst wieder in der letzten Nacht vor der Vernissage. «Und jedes Mal mache ich dann die gleiche Erfahrung», sagt Fritz Steffen: «Jedes Bild muss genau so heissen, wie es heisst. Es kommt mir vor, als hätte es den Namen schon seit jeher gehabt.»

 

Fritz Steffen erzählt von seinen ersten «Rollstuhl-Ferien» in Berlin. Wie er sich zuerst dagegen gewehrt hatte – und es zum Schluss genoss. Er berichtet, wie die Krankheit die Familie belastet. Und wie Partnerschaft und Familie jetzt wichtig sind. Und seine Malerei: «I bi no da. I mache witer. I ha no es paar Tröim. Teil dervo wärde Tröim bliibe – aber es paar wott ig no realisiere!» Der Aschenbecher ist voll, die Kaffeetassen sind leer. Ebenso die Calvados-Flasche. Das Oscar Peterson Trio spielt einen langsamen Blues.

 

Die Ausstellung in der Kulturmühle Lützelflüh wird Gelegenheit bieten, Fritz Steffens Werk (neu) zu entdecken.

 

Fritz Steffen

 

Fritz Steffen, geboren am 24. September 1947, wuchs in Ramsei auf. In Lützelflüh besuchte er die Primar- und Sekundarschule. Es folgte eine Lehre als Feinmechaniker – dann kam bereits der Wechsel ins Kunsthandwerk: Bei seinem Vater arbeitete er als Bauern- und Schriftenmaler, als Restaurateur, Uhrmacher, «Pendulier» und Illustrator. 1973/74 absolvierte er an der Kunstgewerbeschule Bern den Gestaltungskurs, 1975/77 nahm er Unterricht bei Hans Schwarzenbach und Carl Speglitz: Diese beiden Lehrer-Persönlichkeiten beeinflussten Fritz Steffen massgeblich auf seinem künstlerischen Weg.

 

Seit 1978 ist er freischaffender Kunstmaler, Illustrator und Cartoonist. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Ab 1979 lebte er in Schwarzenburg, 1988 zog er mit seiner Familie nach Lützelflüh. Seit 2003 lebt er in Grünenmatt, Gemeinde Lützelflüh. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist er nebenamtlicher Haus- und Familienmann.

 

Einzel- und Gruppenausstellungen, unter anderem in Bern, Biel, Burgdorf (Galerie Schlossberg), Neuenburg, Schwarzenburg (Schlosskeller), Lützelflüh (Kulturmühle), Feldkirchen A (Österreichisches Karikaturenfestival), Langnau i.E. (Internationales Cartoonfestival), Trubschachen (Hof3), Paris (Librairie-Galérie Racine), Schloss-Galerie Fraubrunnen, Basel (Karikatur und Cartoon Museum)

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"Für den Jazzmusiker ist es sehr wichtig, sich an vergangene Dinge zu erinnern: An Dinge wie alte Volkslieder, die man einst im Mondlicht in einer Sommernacht im Hinterhof gehört hat."

 

Duke Ellington